Selbst-Fürsorge? Gedankensalat!

Ich möchte mit meinem Text keiner_m sagen, welche Umgangsstrategien mit Krisen, Gewalt oder Müdigkeit „gut“ oder „schlecht“ sind. Ich habe diesen Text geschrieben um meine eigenen Gedanken zu sortieren, klarer zu machen und um auf diesen Text und ihn umgebende Gespräche zu antworten, der mich sehr zum nachdenken und umdenken gebracht hat. Ich wiederhole hier sicherlich viele Gedanken die der Ursprungstext schon erklärt hat, brauchte diese Wiederholungen aber um sortierter schreiben zu können. 

Die Idee von Selbst-Fürsorge und das was damit gemeint ist hat mir längere Zeit eigentlich ganz gut gefallen.
Das Gefühl, darüber nachzudenken, vor allem nicht alleine, wie ich mit Krisensituationen oder schweren Momenten, Müdigkeit und Erstarrtheit umgehen kann war ein gutes.
Es ist ein schönes Gefühl zu merken, dass da Menschen sind, die sich Gedanken machen wie es mir geht. Die sich kümmern möchten. In Momenten und Situationen in denen ich mich sonst alleine gefühlt habe, in denen ich keine W_Orte hatte und keinen Raum, um auszudrücken wie es mir geht. Oder einfach nur die Anerkennung zu bekommen, dass es mir ernsthaft nicht gut geht. Dass ich mich nicht alleine damit fühle und auch nicht alleine sein muss.
Ideen zu sammeln, wie der Alltag mir leichter vorkommen könnte, wie ich mich besser fühlen könnte oder wie ich nicht alleine durch diesen Alltag gehen muss.
Ich habe versucht zur Ruhe zu kommen, mir Zeit für mich zu nehmen, mehr spazieren zu gehen, Luft zu holen, mir was Gutes zu kochen, darauf zu achten dass ich anstrengende Dinge erledige, die ich erledigen muss und mich danach zu belohnen. Ich habe versucht auf mich zu achten, mir bewusst zu machen was mich erschöpft, mir nicht gut tut oder an welchen Stellen ich „zu viel“ tue.  Ich habe an manchen Stellen Verantwortung an (eine) andere abgegeben. Nicht die Verantwortung für meine Handlungen sondern emotionale Verantwortung. Mich fallen gelassen und gedacht dass es mir mal gut tut nicht auf beiden Beinen stehen bleiben zu müssen, sondern beim fallen aufgefangen zu werden. Ich habe wirklich versucht zur Ruhe zu kommen. Und ich habe wirklich versucht mich zu entspannen, ich habe versucht mich leichter zu fühlen, mir Gutes zu tun und ich habe mich gewundert und war darüber verzweifelt, dass nichts davon mir geholfen hat. Ich habe mir eine Therapie gesucht und mich kurz darin wohl gefühlt, weil mir sonst nichts eingefallen ist und weil ich einen Raum zum reden hatte.
Ich bin weder zur Ruhe gekommen, noch habe ich Energie bekommen. Ich bin weiter in ein Loch gefallen und hatte stellenweise das Gefühl nicht mehr aufstehen zu können. Weil die Energie fehlte, weil ich zu müde dazu war.
Mir war nicht klar warum mir so wenig von all meinen Versuchen, die mir gerade eher leidenschaftslos vorkommen, wenn sie auch mit sehr viel Anstrengung und Verzweiflungsgefühlen verbunden sind, geholfen haben. Ich hab doch Dinge geändert, hab mir Zeit genommen, hab Prioritäten verändert und mir „Hilfe“ gesucht. Ich habe oft gesagt: ich kann jetzt nicht kämpfen, ich kämpfe doch jeden Tag, aber mehr geht nicht. Ich habe glaube ich (mich) nicht genau verstanden. Ich habe gekämpft, aber vielleicht an den für mich falschen Stellen. Im Grunde genommen bin ich in meiner kleinen, verzweifelten, erstarrten Haltung sitzen geblieben. Als dann auch noch die Person, die so viel aufgefangen hat sagte, sie könne sich nicht in meine Stimmung ziehen lassen, nicht die Verantwortung übernehmen die ich abgegeben habe, mir sagte ich würde viel passiv argumentieren und mich selbst klein machen, war ich erst mal sehr wütend. Weil ich doch so viel gekämpft habe und weil ich so froh war damit nicht so alleine zu sein. Ich dachte, dass ich jetzt erst recht weiter fallen würde, habe geweint darum und gestrampelt und gewütet und mich verzweifelt klein gefühlt. Gleichzeitig bin ich aber ohne es zunächst zu merken aufgestanden. Und dabei war ich keineswegs alleine, aber ich war_bin für mich verantwortlich und das ist ein gutes Gefühl. Ich habe die abgegebene Verantwortung zurückgeworfen bekommen und sie aufgefangen und anstatt wie vorher keine zwei Minuten mehr klar denken zu können konnte ich wieder zusammenhängend denken, ein bißchen Energie kam_kommt Stückchenweise zurück, auch wenn viel Müdigkeit bleibt. Die aber nicht mehr so übermächtig an mir zieht. Ich habe immer noch Angst wieder zu fallen, aber diese Angst treibt mich gerade eher dazu an weiterzuschauen was ich tun kann, wo ich hin kann, ich kann klarer erkennen was ich will, was ich brauche, was mir weiterhilft und was eben auch nicht.

Warum das alles jetzt?

Ich habe die Kritik  an Selbst-Fürsorge länger nicht ganz verstanden, habe mich angegriffen gefühlt und mich geärgert, obwohl ich viele Punkte auch nachvollziehen aber nicht nachfühlen konnte.
Ich dachte: Wieso soll es schlecht sein auf mich und andere zu achten? Mich unterstützen zu lassen oder andere zu unterstützen? Wieso soll es schlecht sein dass mit Ruhe, Entspannung, schönen Dingen_Situationen_Handlungen zu versuchen?
Wieso wird hier etwas kritisiert was ich_andere tue_n um sich besser zu fühlen? Und dann sind das auch noch Tätigkeiten oder Impulse, die vornehmlich an Personen geknüpft werden die von Sexismus betroffen sind, die mir leicht fallen, weil ich es gelernt habe. Ich hatte den Eindruck, dass das was ich gelernt habe zu tun und mich auch wirklich manchmal besser_entspannter fühlen lässt dadurch abgewertet wird.
Ich glaube nicht mehr dass es das wird, auch wenn ich immer noch an manchen Momenten dieses Textes und der Kritik hadere und rätsele und mein Kopf sich dreht weil ich das Gefühl habe von einem aber ins nächste zu verfallen. Zu verstehen und dann wieder zu zweifeln, aber meist an den Punkt zu kommen dass ich dieser Kritik mittlerweile zustimme und dass sich ein Gefühl dazu eingestellt hat.
Die vielen Texte zu Selbst-Fürsorge und auch die Gespräche und Versuche darum in meinem Umfeld haben sich sehr oft gut angefühlt, es blieb aber immer öfter ein pieksen, ein komisches Gefühl, das ich nicht zuordnen konnte.
Zuerst einmal habe ich gesehen: da sind andere Personen, die machen sich Gedanken darum, wie es ihr / mir / anderen in ähnlichen Kontexten geht. Die möchten dass es mir und ihnen und anderen besser und gut geht. Weil doch so viele kämpfen und weil so viel scheisse ist und so viel anstrengend und verzweifelnd und schrecklich. Mein Schmerz oder meine Verzweiflung wird gesehen und wahrgenommen und ich bekomme Ideen was ich tun kann, damit ich mich wohler fühle.
Ich habe für mich selbst mittlerweile klar dass ich nicht sehr weit mit den Aufzählungen die dann oft folgen komme, nicht mit baden und Tee trinken, nicht mit Freude und Auszeiten. Damit will ich weder anderen absprechen dass das für sie hilfreich ist, damit will ich nicht einmal sagen dass mir solche Tätigkeiten nicht gut tun können, denn das können sie durchaus! Aber ich möchte mich einfach danach fühlen, weil ich gerade Lust habe zu baden oder spazieren zu gehen. Ich möchte mir nicht einen Entspannungstherapieplan verordnen, den ich mir im Grunde genommen aufzwinge, weil ich an so vielen Stellen lese dass das hilft.
Um den Bogen klar zu machen: Die vielen Texte zu Selbst-Fürsorge bieten wenig Alternativen als die genannten. Und ich verstehe glaube ich jetzt was damit gemeint ist, dass diese Handlungsideen_anweisungen klein machen (können). Nicht weil die Handlungen an sich klein machen, sondern weil sie aus einem klein machenden System kommen, das individualisiert und vielleicht an Stellen gut tun kann, aber was keine langfristige Lösung ist mich mit (Gewalt)Erfahrungen und Scheisse auseinanderzusetzen und Umgänge zu finden. Hinzu kommt, dass es (im Moment) wie schon gesagt sehr wenige Texte gibt die Alternativen aufmachen oder überhaupt hinterfragen was all diese Glück versprechenden Handlungsideen mit mir (auch) machen können. Welche Strukturen dahinter stehen, wenn ich sie mit einem Vokabular und einem historischen Kontext fülle, das klein macht und hält. Es gibt (in meinen Kontexten) kaum Auseinandersetzung darum zu versuchen andere Begriffe, andere Inhalte, vielleicht auch sich vermischende Inhalte zu besprechen. Die Texte die momentan Überhand haben, sind sich alle sehr ähnlich und wie hier erklärt pathologisierend und aus einem Gewaltsystem stammend. Ich verstehe die Kritik nicht als Kritik an den Umgängen und Strategien an sich, sondern als Kritik an der Dominanz der Texte, dem Vokabular und der Nicht-Berücksichtigung von Lebensrealitäten. Ich verstehe sie als ein Aufzeigen von gewaltsamen und klein haltenden Strukturen, die aus psychiatrischem System und christlicher Fürsorge-Geschichte kommen und die sich durch diese Texte zu Selbst-Fürsorge ziehen. Die ich selbst nicht genug (er)kenne an ganz vielen Stellen und ich deswegen eine Kritik daran mehrfach lesen muss um sie ganz zu verstehen. Ich merke für mich, dass manches zwar in meinem Gefühl immer noch hakt und ich diese Stellen sehr schwer benennen kann, sich aber dadurch mein eigenes Erleben und Umgehen gerade sehr verändert, ich mich damit besser und handlungsfähiger fühle und ich vor allem mehr Alternativen denke.
Ich möchte mir Gedanken um Körperarbeit machen, die ich selbst seit einiger Zeit mache und die mir unglaublich hilft. Ich möchte mir Gedanken darum machen wie es möglich wäre so etwas mehr im Kollektiv zu denken und zu ermöglichen, nochmal schauen was es vielleicht schon lange gibt und was ich nicht (mehr) gesehen habe.  Ich sehe Angebote, die ich nicht angenommen habe, weil ich sie zu anstrengend, zu schwer, zu konfrontierend empfunden habe und die aber glaube ich das Gegenteil sind. Sie sind anstrengend, aber sie geben Energie und wirken selbstermächtigend. Ich muss mich nicht versuchen wohl zu fühlen in einer Therapie die mich dauernd zweifeln lässt sondern ich muss_kann überlegen was ich sonst tun kann. Oder ich kann dem einen geringeren Stellenwert geben, meine Zweifel behalten aber die Stunde in der Woche als einen abgesteckten Raum zum ausheulen mit Zweifen behalten, falls mir nicht so schnell etwas anderes einfällt.
Ich weiß jetzt, was das kleine (und vielleicht gar nicht so kleine) pieksen war, was ich bei den vielen Texten zu Selbst-Fürsorge gemerkt habe. Da ist mir zu viel ausschließlich positiv, schön, harmonisch, ruhig, alleine, ich in der Badewanne mit ner Tasse Tee. Ich glaube dass es wichtig ist zu hinterfragen wo diese Ideen herkommen, welche Herrschaftspraxen sie womöglich stützen, aber auch an welchen Stellen nicht. Oder wann und wie das nebeneinander existieren kann. Ich möchte eine Auseinandersetzung mit Krisen und den Folgen von Gewalt die selbst-kritisch ist und die differenziert und ausprobiert und die unterschiedliche Erfahrungen, Realitäten und Notwendigkeiten mitdenkt. Und in der ich mich auch mal klein fühlen darf, aber die mich nicht klein hält, sondern mir Möglichkeiten gibt mich selbst zu ermächtigen. Ob das nun Ruhe oder Lärm bedeutet. Langsam oder schnell, aber ich will beide und mehr Sichtweisen und Ideen dazu.  Ruhe und Harmonie und Entspannung sind auch mal wichtig, aber das kann für mich nur in Momenten etwas sein, was mir dann gut tut. Auf Dauer brauche ich mehr und anderes. Ich brauche Ruhemomente und ich brauche Wut und Neues und Ungelerntes und ich brauche Gelerntes und ich möchte Unterstützung und unterstützen (können).
Ich möchte mir mehr Gedanken darüber machen Dinge zusammenzudenken. Kritik anzunehmen, an mich heranzulassen, aber auch die Stellen die noch im Kopf rätseln und kreisen und haken ernst zu nehmen. Vielleicht zusammenzudenken, nebeneinander stehen zu lassen. Breiter zu denken, Möglichkeiten ausprobieren, anzunehmen, zu verwerfen oder zu kombinieren.

ich seh die waage vor lauter tabs nicht mehr - linkliste

[links nachtr. hinzugefügt am 13.6.]

kleiner drei hat mal wieder einen hashtag ins internet gefurzt und die nächste revolution ausgerufen. nach #aufschrei nun #waagnis.

eigentlich nicht verwunderlich, dass sich dahinter -schon wieder- unglaublich viel wütend machende, kackscheisse re_produzierende texte und tweets verbergen.

eigentlich einfach ein neuer zeitpunkt twitter für die nächsten tage nicht mehr aufzumachen.
wenns nicht mal wieder so viel raum einnehmen würde, so viele stimmen_auseinandersetzungen_kontexte_kämpfe unsichtbar machen würde.

es macht echt müde, zu jedem thema immer wieder das gleiche zu sagen bzw. zu schreiben und zu diskutieren. immer wieder weisen blogger_innen und aktivist_innen darauf hin, was schon alles geschrieben wurde, benannt wurde und versucht wurde in die diskurse um - in diesem falle - körperpolitiken zu bringen.
trotzdem “entdecken” plötzlich blogs ein thema, schreiben teilweise undifferenziertes zeug dazu, wundern sich über kritik und sind sich ihrer verantwortung nicht bewusst. die haben sie aber.
anstatt ein, zwei kleine schritte zu tun und sich zu informieren (was echt nicht schwer ist) was so in den letzten monaten (das kann ja oft schon reichen!) geschrieben, verlinkt und diskutiert wurde einfach mal drauflosschreiben und alles um sich herum ignorieren. und sich dann über kritik wundern.
ist nix neues, aber immer neu ärgerlich und vergrößert das ohnmacht-gefühl, das viele feminist_innen ständig erleben müssen, die seit jahren schreiben_diskutieren_reflektieren, arbeit_zeit_ressourcen_emotionen in politische diskussionen und kämpfe stecken, um bei der nächsten “revolutionären” auseinandersetzung (wieder) nicht mitgemeint_gedacht_zitiert werden. ES. NERVT.

und da sich ja doch alle wieder wundern, wo nur all diese texte bloß sein können, die jede woche_jeden monat geschrieben und geteilt werden, hier mal eine kleine, spontane, unvollständige 5 minuten  liste (die aber glaube ich länger ist als jede liste die ich heute bei #waagnis gesehen habe). damit ihr es nicht so schwer habt. ist ja auch kompliziert, nech.



"Mein Teller, meine Entscheidung!"

"Ver-dünn-isier dich!"

"inside. outside. über innen- und außenwahrnehmungen von essstörungen in feministischen diskursen"

"Nix mehr mit Maßen"

"Über ge-störtes Essen, Vereinnahmung und das innere Schlachtfeld"

"Die Machtverhältnisse durchziehen den Körper - Verlorenes und neu Erkämpftes"

"Riots not Diets"

Arge Dicke Weiber  (und deren Blogroll)

"Dinge, die du nicht mehr sagen solltest außer du hasst dicke Menschen Teil 1"

"Dinge, die du nicht mehr sagen solltest außer du hasst dicke Menschen Teil 2"

"Ja, es schmeckt. Ja und?"

"von Gewicht"

some girls are bigger than others

"Aktivismus gegen Dickenfeindlichkeit"

"Fat Acceptance / Activism Resources List" (via @riotmango)

"web-serie: my mad fat diary"

wut

wenn sich ein tag so richtig sinnlos anfühlt

wenn sich ein tag so richtig wütend anfühlt

wenn die laune kipptkipptkippt

in sekunden wenn die wut über einen kaputten dosenöffner

die wut des ganzen tages_der_woche_des_monat_des_jahres nochmal hoch holt in

den magen steigt und dich sachen umwerfen lässt

dosen runterwerfen keine teller keine tassen

wenn dann die tränen nicht kommen wenn die wut steigtsteigtsteigt

wenn aber die tränen wieder nicht kommen oder nicht mehr aufhören

wenn sich der moment_der_tag_die_woche_das_jahr entgleist anfühlt alles entgleist

nichts wie vorher nichts mehr einfach so in ordnung nichts steigt wut kippt tränen nicht

hatr.org - wie Maskulisten den Feminismus unterstützen

Zusammen mit Lantzschi und Kathrin habe ich für den Sammelband “Die Maskulisten” von Andreas Kemper einen Artikel über Hatr geschrieben.

Da wir nach wie vor die Verwertungsrechte an diesem Text besitzen, stellen wir ihn auf unseren blogs online und wahrscheinlich später auch auf Hatr selbst.

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Wer die Seite Hatr.org im Browser aufruft wird sich wundern. Auf der Startseite finden sich unter der Überschrift “Das Letzte” eine Reihe von scheinbar zusammenhanglosen Kommentaren von “Leon”, “Horst” oder “Antigenderwahnbeauftragter”. Manche Einträge sind kurze, drastische Beschimpfungen, bei anderen handelt es sich um längere Texte, die zum Teil nicht zu verstehen sind, ohne zu wissen, worauf sie sich beziehen. Ab und zu taucht der hervorgehobene Name “Xena” in den Texten auf. Oben rechts auf der Seite ist ein “Trollcounter”, der die Zahl der bereits geposteten Kommentare anzeigt. Darunter ein Flattrbutton 1 und für diejenigen, die in ihrem Browser keinen Werbeblocker installiert haben, sichtbare Google Anzeigen. Das Logo von Hatr ist ein pinkfarbenes Herz mit meinem geschwungenen “h”.

Hinter Hatr steckt die Idee, einen Umgang mit Troll- und Hasskommentaren auf Blogs zu finden, der für die Betreiber_innen der Blogs weniger frustrierend ist. Das Thema beschäftigt viele Blogger_innen, die mit ihrer Arbeit gesellschaftliche Dominanzverhältnisse und Diskriminierung thematisieren. Wir, die Autorinnen dieses Textes, schreiben Blogs, die in der queer-/feministischen Netzszene verortet sind. In diesem Kontext ist auch das Projekt Hatr entstanden. Die meisten Blogs, die sich derzeit daran beteiligen, stammen ebenfalls aus dieser Szene. Diskriminierung und Unterdrückung beschränken sich aber weder im Netz noch in der Gesellschaft auf (Hetero-)Sexismus und Antifeminismus. Rassismus, Antisemitismus, Klassismus, die Unterdrückung von Menschen, die nicht den gängigen Schönheitsvorstellungen und Körpernormen entsprechen und weitere Formen der Herrschaft wirken in unserer Welt zusammen. Viele Blogs, die bei Hatr mitmachen, kritisieren Dominanzverhältnisse entsprechend mit einem intersektionalen Ansatz. Sie thematisieren zum Beispiel auch Rassismus oder Körperfeindlichkeit und erhalten entsprechende Hass-Kommentare. Im Kontext dieses Buches über “Die Maskulisten” stellen wir das Problem der *istischen Kommentare im Netz und das Projekt Hatr am Beispiel von Sexismus, Antifeminsimus und Maskulismus dar.

“Ich seufze und drücke „löschen“. Es ist kurz nach Mitternacht und eigentlich wollte ich gerade ins Bett gehen. Das muss jetzt aber noch einen Moment warten, denn inzwischen weiß ich: wo ein Fotzen-Kommentar ist, da lauern auch noch andere und gerade zu nächtlicher Stunde fallen die Hemmungen besonders schnell.”

So beschreibt die Bloggerin Anna im Februar 2010 ihre Erfahrungen mit misogynen Kommentaren in feministischen Blogs. In den Kommentaren ihres Artikels „Ihr durchtriebenen, miesen Fotzen!“ auf Mädchenmannschaft.net schloss sich eine rege Diskussion über das Problem und mögliche Umgangsweisen an, darunter auch die Idee, Hass-Kommentare auf einer Seite zu sammeln. Eine Bloggerin verlinkte in ihrem Kommentar das US-amerikanische Projekt “Monetizing the Hate”. Dessen Betreiberin Heather Champ veröffentlicht Kommentare, die ursprünglich auf ihrem Blog gepostet werden, auf einer eigenes eingerichteten Website, die von vielen bunten Werbebannern flankiert ist. Dieses Projekt und sein Leitspruch “Monetizing the Hate” ist einigen Leuten im Kopf geblieben, die sich auf dem ersten Gendercamp 2 im Frühjahr 2010 trafen. Eine der Sessions widmente sich dem Thema des Umgangs mit Hass-Kommentaren auf queer-/feministischen Blogs. Als die Idee, die Mechanismen von Internetwerbung und Google für den eigenen Zweck auszunutzen, dort zur Sprache kam, waren einige Teilnehmer_innen sofort Feuer und Flamme. Noch auf dem Camp wurde Hatr ins Leben gerufen und per Mailinglisten- und Chatkommunikation in den folgenden Monaten zum Laufen gebracht. Hatr.org startete am 1. April 2011, ist also jetzigen zum Zeitpunkt ein knappes Jahr online.

Die misogynen Kommentator_innen, (Wo_)Mansplainer, Grundsatzdebattentrolls und Hater sind dadurch nicht verschwunden, spülen aber bald ein bisschen Geld in die notorisch leeren Kassen emanzipatorischer Projekte. Bevor wir die Empowermentstrategie Hatr näher vorstellen, möchten wir im Folgenden das Phänomen der Hass-Kommentare im Netz aus der Perspektive queer-/feministischer Blogger_innen erläutern. Abschließend widmen wir uns der Resonanz, die es seitens der Öffentlichkeit und der “Betroffenen” zu unserem Projekt gegeben hat.

Kackscheiße im Netz

“Sexistische Kackscheiße” ist seit einer Aufkleber- und Plakataktion der AG Gender Killer vor einigen Jahren ein feststehender Ausdruck für die großen und kleinen, die subtilen und offenen Sexismen, stereotypen Repräsentationen und frauen-lesben-trans*-feindlichen Artikulationen, die uns in der Öffentlichkeit ständig umgeben. Das Leben ist kein Ponyhof, und so bleiben auch queer-/feministische Blogs nicht verschont von Leuten, die meinen, ihren Mist in die Kommentarspalten kippen zu müssen. Die Diskussion um den Umgang mit Hasskommentaren im Netz ist keine neue. Immer wieder wird von Queer-/Feminist_innen auf Veranstaltungen wie der Re:publica 3, in Blogartikeln 4 oder dem Gendercamp überlegt, wie mit dem Hass, der uns im Netz entgegenschwemmt, sinnvoll umgegangen werden kann. Sollen wir uns auf Diskussionen einlassen? Wann fangen wir an zu löschen oder löschen wir konsequent jeden Kommentar, der eine konstruktive Diskussion verhindern könnte? Oder wäre es besser, auch die drastischen Kommentare stehen zu lassen, damit allen bewusst wird, womit sich Blogger_innen tagtäglich konfrontiert sehen? Aber sind die paar antifeministischen Hass-Kommentator_innen überhaupt in irgendeiner Weise repräsentativ für den Zustand der Gesellschaft? Trollkommentare stören nicht nur die Diskussionskultur auf Blogs und anderen Internetseiten, sie verbreiten nicht selten auch diskriminierende Inhalte, die die Blogbetreiber_innen und ihre Leser_innen verletzen. Hinzu kommen persönliche Beleidigungen, Beschimpfungen und explizite Gewaltandrohungen, mit denen die Autor_innen umgehen müssen und die im Übrigen nicht nur in Form von Kommentaren, sondern auch per Email an sie gerichtet werden.

Die Diskussion wird häufig unter dem netzkulturellen Phänomen der “Trolle” gefasst. Dies trifft aus unserer Sicht nur zum Teil zu, verkürzt die Problematik und führt zu Missverständnissen. Als Troll wird gemeinhin eine Person bezeichnet, die sich in eine konkrete Diskussion oder einen kommunikativen Raum einmischt, um mit ihren Beiträgen gezielt zu stören und zu provozieren. Das kann geschehen, indem Nonsens gepostet oder gegen die in diesen Raum vorherrschenden Normen verstoßen wird. Im Kontext feministischer Blogs sind verbale Gewalt, die durch sexistische oder anderweitig diskriminierende Begriffe ausgeübt wird, und die Reproduktion diskriminierender Diskurse solche Normverstöße, die provozieren. Unklar ist, warum Personen als Trolle agieren. Für viele scheint es auf eine Art reizvoll zu sein, diese Rolle einzunehmen. Sie mögen es als intellektuelle Herausforderung ansehen (“Womit kann ich in diesem Kontext am besten trollen?”) oder suchen Befriedigung in der Macht, die sie in dieser Rolle auf den Kommunikationsraum und die dort agierenden Personen ausüben. In der Diskussion um Trolle wird die Beliebigkeit betont, mit der sie angeblich vorgehen. Das heißt, dass es für eine trollende Person keinen Unterscheid machen sollte, ob er_sie sich in einem Forum für Waffenbesitzer_innen vehement für ein Waffenverbot einsetzt, die in einem Handarbeitsblog vorgestellten Projekte als “hässlichen Dreck” bezeichnet oder in einem feministischen Blog mit biologistischen Grundsatzdiskussionen, der Verharmlosung von Vergewaltigung oder Hate-Speech daherkommt. Wir haben den Eindruck, dass diese Beliebigkeit für die meisten “Troll”-Kommentator_innen auf feministischen Blogs nicht zutrifft. Deutlich ist, dass sich viele der in dieser Weise aktiven Personen in maskulistischen Kreisen aufhalten und in entsprechenden Foren organisiert sind. Einige von ihnen führen selbst prominente Blogs der antifeministischen Internetszene. Aber auch Personen, die sich nicht als Maskulisten identifizieren, bringen durch ihr Kommentarverhalten zum Ausdruck, dass ihre Einstellungen tief in gesellschaftlichen Herrschaftsverhältnissen und reaktionären Diskursen verwurzelt sind. Ihnen geht es also ebenfalls nicht darum, im Sinne eines ungerichteten Trollens zu provozieren, sondern um die Verteidigung der herrschenden Ordnung und ihrer gesellschaftlichen Dominanzposition.

Es handelt sich also um Menschen, die aus einer politischen Überzeugung heraus strategisch agieren, Kommunikationsräume stören und auch gezielt einzelne Personen attackieren. Auffällig ist in diesem Zusammenhang, dass besonders nicht sehr reichweitenstarke oder neu gegründete queer-/feministische Blogs Ziele dieser Interventionen in die Diskussionskultur werden. Solche Blogs pflegen in der Regel (noch) keine dezidierte Moderationspolitik, die diesen Interventionen in Teilen entgegenwirkt. In den meisten Fällen gießen Antifeminist_innen und Maskulisten gezielt ihr reaktionäres Gedankengut in die dortigen Kommentarthreads, nicht selten mit aggressiven Drohgebärden. Dies verstehen wir zum einen als Angriff auf eine freie und inklusive Diskussionskultur und Artikulation von Gesellschaftskritik. Zum anderen interpretieren wir die Besetzung von Kommentarthreads in kleineren Blogs als “Silencing”-Strategie: Die Einschüchterungsversuche sollen den Betreiber_innen das Gefühl geben, allein gegen eine antifeministische Mehrheit zu schreiben und ihre Energie auf Gegenargumentation lenken.

Durch unsere Erfahrungen als Leserinnen und Blogbetreiberinnen haben wir ein Muster der antifeministischen Kommentare erkennen können. Diese lassen sich quer zu den oben genannten Trolls, Maskulisten und sonstigen Sexist_innen zu vier Typen gruppieren. Da sind erstens diejenigen Kommentator_innen, die uns die Welt erklären wollen. Im englischsprachigen Kontext werden für dieses Phänomen die Begriffe “mansplaining” (zu deutsch: “herrklären”) respektive “womansplaining” benutzt. 5 Manche verwenden auch den gendergerechten, wenn auch nicht körperfreundlichen Begriff “assplaining”. Das Herrklären tritt zum Beispiel auf, wenn dominanzgesellschaftliche Diskurse, Normen und Institutionen kritisiert werden und ein_e Kommentator_in darauf hin das dringende Bedürfnis verspürt, von oben herab erklären zu müssen, wie der Sachverhalt normalerweise verstanden wird und warum es sich dabei um eine ganz harmlose, unproblematische Sache handelt. Hinter dieser Art von Kommentaren steckt meistens keine trollige Intention. Sie nerven aber trotzdem. Es wäre wünschenswert, wenn alle vor dem Schreiben noch mal kurz in sich gehen und überlegen, ob der_die Autorin seine_ihre Kritik wohl aus Unwissen heraus formuliert oder ob das eigene Unverständnis gegenüber dem Text nicht eher aus den unterschiedlichen Erfahrungen rührt, die ungleich positionierte Personen in der Gesellschaft machen. Zudem führt ein solches Kommentarverhalten schnell zu einer Scheindiskussion über die angebliche Gleichheit Aller, die Machtverhältnisse vollkommen ausblendet und diejenigen zum schweigen bringt, die jene mitdenken. Dies führt uns zum zweiten Typus, dem_der Privilegienverweigerer_in. Der Verweis auf privilegierte gesellschaftliche Positionen führt häufig zu Abwehrmechanismen in Form einer Umdeutung. Dass es einen Unterschied macht, wenn eine Person gleich in mehrerer Hinsicht zu der gesellschaftlich dominanten Gruppe zählt, also zum Beispiel ein heterosexueller, weißer Cis-Mann ohne Behinderung ist, wird nicht nur negiert, sondern der Hinweis auf die Zugehörigkeit zur dominanten Gruppe wird als sexistische Stereotypisierung oder “Argumentum ad hominem” gedeutet. Die Benennung der Sprechposition der einzelnen Diskutant_innen sei demnach ein persönlicher Angriff und mache so eine sachliche Auseinandersetzung unmöglich. Hinter dieser Abwehrstrategie steckt der Irrglaube, dass sich bei einer Diskussion neutrale Gesprächspartner_innen gegenübertreten, die in einem luftleeren Raum über objektive Sachverhalte sprechen und daher wertfrei argumentiert werden müsse. Dabei bleibt unbeachtet, dass nahezu alle gesellschaftlichen Diskurse Austragungsorte von Kämpfen um Hegemonie und Definitionsmacht sind. Im Rahmen von hegemonialen Diskursen können dominante Positionen für sich in Anspruch nehmen, objektiv und neutral zu argumentieren. Andere Positionen sowie deren Themen werden in der Regel markiert und als partikular wahrgenommen. Wenn in gegenhegemonialen Räumen, als die wir queer-/feministische Blogs verstehen, auch dominante Sprechpositionen als solche benannt werden, wird transparent gemacht, dass auch diese partikular sind. Das kann allerdings feststehend geglaubte Weltbilder ins Wanken bringen. Um bei ihrer Haltung bleiben zu können, verfügen Privilegienverweigerer_innen über ein ganzes Arsenal an Derailing-Strategien, mit denen die Erfahrungen des Gegenübers heruntergespielt und ausgeblendet werden können. 6 Denn für sie steht fest, dass Feminist_innen die eigentlichen Sexist_innen sind. Drittens begegnen uns Grundsatztrolle. Sie kommen auf den ersten Blick harmlos daher und stellen gezielte, scheinbar interessierte Nachfragen zu grundsätzlichen Fragen. Was dann folgt sind immergleiche Argumentationen, zum Beispiel zu geschlechtergerechter Sprache oder rund um den Topos “Männer und Frauen sind von Natur aus so und so.” Neben sämtlichen Erkenntnissen kritischer Wissenschaftsfelder wie der Gender Studies – die als parteisch und ideologisch abgelehnt werden – können auch Verweise auf naturwissenschaftliche Arbeiten, die sich gegen reduktionistische Vorstellungen von Geschlecht wenden, die Fragen der Grundsatztrolle nicht zufriedenstellend beantworten. Am Ende der Diskussion ziehen diese stets das Fazit, dass man mit Feminist_innen nicht diskutieren kann, weil sie ihre Augen – Entschuldigung, ihre Äuginnen – vor den Fakten verschließen. Den Grundsatztrollen gelingt es mit ihrer Strategie ausgezeichnet, lange unbemerkt zu bleiben und dabei unglaublich viel Zeit und Raum in Beschlag zu nehmen, konstruktive Diskussionen abzubrechen und ins Lächerliche zu ziehen. Die vierte Gruppe bilden schließlich Trolle, die ihrem Hass freien Lauf lassen und die Kommentarspalten mit Kraftausdrücken, sexistischen Beschimpfungen, Gewaltphantasien und Drohungen zuspammen. Sie sind besonders derbe, aber immerhin schnell zu identifizieren.

Die technischen Möglichkeiten, Kommentare vorab zu filtern, sind bisher nicht ausreichend, um dem Problem zu begegnen. Wortfilter können noch nicht erkennen, in welches Bedeutungsnetzwerk ein Begriff semantisch eingebunden ist. IP-Adressen von Nutzer_innen sind in den meisten Fällen nicht fest zugeordnet, was im Sinne des Datenschutzes auch begrüßenswert ist. Den Weg einer Strafanzeige zu gehen und über den Provider den Anschluss ermitteln zu lassen, der zu einem bestimmten Zeitpunkt mit einer bestimmten IP im Netz war, ist zwar möglich, insofern die IP-Adresse nicht verschleiert wird, aber mühsam und, sofern ein_e Anwält_in hinzugezogen wird, auch kostspielig. Emailadressen, die in den meisten Blogs beim Kommentieren angegeben werden müssen, werden von der Blogsoftware nicht überprüft. Schließlich gibt es noch das Mittel, Kommentare nur nach einer Registrierung zu erlauben. Dies hindert die Kommentierenden aber auch nicht daran, sich schnell eine neue Wegwerfadresse zu klicken, nachdem sie gesperrt worden sind. Außerdem sind alle Barrieren, die wir gegen Trolle und antifeministische Kommentator_innen aufbauen auch Hürden für andere Menschen. Das “Bloghausrecht” nach dem Motto “my blog is my castle”, d.h. eine Kommentarpolicy, wonach die Autor_in des Blogs entscheidet, welche Kommentare sie auf ihrer Seite akzeptiert und welche nicht, gilt darum den meisten als einziges Mittel im Umgang mit den Hate-Kommentaren. Es geht schließlich um das Ziel, eine für am Thema interessierte Menschen möglichst angenehme Diskussionskultur zu fördern und Trigger 7 durch verbale Gewalt zu vermeiden.

In der queer-/feministischen Blogszene wird viel darüber diskutiert, wie streng eine angemessene Kommentarpolitik sein sollte. Auf der einen Seite sprechen die Vermeidung von Triggern und der Reproduktion von Diskriminierung sowie der Wunsch, in den Diskussionen auch mal weiterzukommen statt sich immer um die gleichen Punkte zu drehen, dafür, sehr sensibel und selektiv bei der Auswahl der Kommentare vorzugehen. Dadurch droht die Beteiligung auf queer-/feministischen Blogs aber auch unglaublich voraussetzungsvoll zu werden für diejenigen, die neu einsteigen, mit den Diskursen aus unterschiedlichen Gründen nicht vertraut sind und eine entsprechende Sprache nicht sprechen können oder wollen. In diesem Spannungsfeld liegt es letztlich bei den jeweiligen Blogbetreiber_innen bzw. Blogautor_innen, einen Moderationsstil zu entwickeln, den sie für ihr Blog oder ein bestimmtes Thema angemessen finden. Es schadet dabei nichts, die Moderationspolicy auf dem Blog transparent zu machen. Das Ausüben des Hausrechtes zieht aber in jedem Fall regelmäßig Zensurvorwürfe nach sich. Kommentare wie der von “Frank” sind dabei noch harmlos: “Ja, der Genderwahn ist seinem Namen nach ein schwachsinnig-unlogisches Konstrukt, dass vor der Logik durch Zensur geschützt werden muss; ansonsten wäre seine Existenz unmöglich.” Besonders gerne wird die Moderationspolitik mit den staatlichen Zensurregimen von Nordkorea, der DDR oder des Nationalsozialismus verglichen.

Diese vielschichtigen Aspekte – antifeministische Trolle unterschiedlicher Art, der Wunsch, eine konstruktive und machtsensible Diskussionskultur auf den Blogs zu schaffen, Zensurvorwürfe – machen die Moderationspolitik auf queer-/feministischen Blogs zu einem Thema, das von vielen als anstrengend und belastend empfunden wird und andere sogar ganz davon abhält, ihre Erfahrungen, ihr Wissen und ihre Meinungen in Form eines Blogs in die Öffentlichkeit zu stellen oder sich an Diskussionen unter Blog-Artikeln zu beteiligen. Insofern war es an der Zeit, einen Umgang mit diesen Kommentaren zu finden, die den Spieß umdreht und dem, was uns so nervt, ein Schnippchen dreht.

Das Projekt Hatr

Im Grunde ist Hatr einer dieser Internetpranger, vor denen in den Medien immer gewarnt wird. Er führt den immer gleichen Mist vor, der als Kommentar im Netz abgegeben wird. Da wir davon ausgehen, dass es die Kommentator_innen noch mehr ärgert, wenn niemand mehr sehen kann, um was es ihnen eigentlich ging, werden die Kommentare ohne den Rückbezug zum ursprünglichen Blog gepostet. Sofern sie auftauchen werden die Namen der Autor_innen der Blogposts durch den Namen “Xena” ersetzt. Die Namen der Kommentierenden werden allerdings nicht anoymisiert. Kenner_innen der maskulistischen Szene sind eingeladen, in unserem Archiv auf die Suche nach alten Bekannten zu gehen. Die Leser_innen von Hatr.org können besonders haarsträubende Kommentare mit “Facepalmen” versehen. Ein “Facepalm” ist eine deskriptive Bezeichnung für die Gestik, sich die Hand vor das Gesicht zu schlagen. Der “Facepalmenstrand” unter hatr.org/facepalms versammelt die Kommentare mit den meisten Facepalms. Weitere Interaktionsmöglichkeiten bietet die Seite nicht. Wir haben insbesondere darauf verzichtet, die Kommentare selbst kommentierbar zu machen und somit erläutern und herunterspielen zu können.

Blogs, die bei Hatr mitmachen, können die Kommentare direkt an Hatr schicken. Wir nutzen dazu unter anderem die technischen Schnittstellen der sehr verbreiteten Blogsoftware WordPress. Nach dem Installieren eines Plugins erscheint in der Moderationsoberfläche des Blogs ein Hatr-Button. Per Klick auf diesen Button landet ein Kommentar in der Moderationsschleife von Hatr, wo er vom Hatr-Team geprüft und freigeschaltet werden kann. Neben dem WordPress-Plugin gibt es noch andere Möglichkeiten, Kommentare bei Hatr abzuliefern. Wir wollen es den beteiligten Blogs so einfach wie möglich machen, den Kommentarmüll zu entsorgen.

Die Monetarisierungsstrategie von Hatr basiert zurzeit auf Google Ads, Anzeigen einer Seite für Geek-Spielzeug, einem Hatr-T-Shirt-Shop und einem Flattr-Button. Im Idealfall landen Leute, die nach sexistischen Begriffen suchen, bei uns und klicken auf die Werbeangebote. Da aber viele Menschen Adblocker benutzen, entgehen ihnen die tollen Angebote der Google Ads. Google wertet unter anderem die Inhalte der Seiten aus, um passende Anzeigen zu schalten, und so finden sich auf Hatr Angebote für einen Blick in die Zukunft mittels Kartenlegen, günstige Kredite und psychologische Beratung. Das Einbinden weiterer Bannerwerbung steht noch aus. Die AGBs einiger Anbieter schließen das Werben auf Seiten mit sexistischen, rassistischen oder anderweitig menschenverachtenden Inhalten explizit aus. Wir denken, dass Hatr damit nicht für sie in Frage kommt. Wir freuen uns darum über aktive Unterstützung durch den Kauf eines Hatr-Shirts oder mit Hilfe des Mikropaymentdienstes Flattr. Das gesammelte Geld wird nach einem Jahr oder sobald 500 Euro zusammen gekommen sind an ein emanzipatorisches Projekt gespendet, über dessen Auswahl wir zusammen mit der Hatr-Blog-Community entscheiden werden. Der Kern des Hatr-Teams besteht aus vier Personen, die das Konzept entwickelt und umgesetzt haben, die Kommentare auf der Seite freischalten, mit den beteiligten Blogs kommunizieren und Pressearbeit machen. Bei der technischen Umsetzung arbeiten wir mit Netzguerilla zusammen, einem Webhoster, der sich auf Lösungen für soziale Bewegungen spezialisiert hat.

Zum Start des Projektes haben wir etwa 20 Blogs angefragt, ob sie sich mit ihren Kommentaren an Hatr beteiligen wollen. Hauptsächlich angeschrieben haben wir queer-/feministische und antirassistische Blogs, deren Betreiber_innen wir bereits kannten und bei denen wir uns sicher waren, dass sie mit der gleichen Kommentarkultur zu kämpfen hatten wie wir selbst. Außerdem sollte die kleine Vorauswahl ein gewisses “Troll-Niveau” auf Hatr gewährleisten, welches die oben bereits skizzierte Kommentar-Typologie widerspiegelt. Weiterhin war es uns wichtig, Blogs gemäß unseres gesellschaftskritischen Selbstverständnisses auszuwählen, also denjenigen Blogger_innen ein Stück Handlungsmacht zurückzugeben, die aufgrund ihrer thematischen Perspektive nicht mit großer Aufmerksamkeit der Netzgemeinde rechnen können. Die meisten der zu Anfang Angeschriebenen freuten sich über das Angebot, so dass wir mit einer großen Anzahl von Kommentaren online gehen konnten.

Bei Hatr kann sich jedes Blog anmelden, das einen gesellschaftskritischen, wünschenswert (auch) antirassististischen, queer-/feministischen Anspruch hat oder sich mit der Typologie an nervigen Kommentaren aus verschiedenen Gründen konfrontiert sieht. Hatr versteht sich allerdings nicht als die allgemeine Trollsammelstelle des Internets. Mittlerweile haben fast 60 Blogs einen Zugang zu Hatr und beteiligen sich je nach Bloggröße und Textfrequenz mit einem bis fünfzehn Kommentaren im Monat am Projekt. Aktuell sind etwa 700 Kommentare freigeschaltet. Besonders gern wird die Seite von den Verfasser_innen der dort veröffentlichten Kommentare gelesen, aber auch ahnungslose Google-Besucher_innen, Feed-Abonnent_innen sowie regelmäßig vorbeischauende Hatr-Fans zählen zu den 2500 Leser_innen pro Monat. 8

Die Resonanz auf Hatr

Überrascht hat uns die große Resonanz, auf die das Projekt gestoßen ist: Taz, Deutsche Welle World, Der Standard, Spiegel Online und Bayerischer Rundfunk, u.a. 9berichteten im vergangenen Jahr über Hatr, so dass sich im Zuge der medialen Aufmerksamkeit mehr und mehr Blogs für Hatr registrieren wollten. Den Onlineredaktionen der Tages- und Wochenzeitungen ist bekannt, dass unzählige maskulistische Kommentaren gepostet werden, sobald Geschlechterverhältnisse, Elternschaft oder Rollenbilder thematisiert werden. Der Launch von Hatr war für sie ein Anlass, dies zu thematisieren. Auch diverse Blogs setzten sich mit dem neu ins Leben gerufenen Sammelbecken für diskriminierende und dominante Sprachkultur auseinander. Neben überwiegend positiven Reaktionen und Beifall versetzten die bereits veröffentlichten Inhalte viele in Unglauben. Offenbar nahmen sie das erste Mal Notiz davon, dass Menschen im Netz permanent sexistisch, rassistisch, homophob, u.a. beleidigt und bedroht werden.

Kritik bekam die Plattform für die Kontextlosigkeit der Kommentare und dem stark schwankenden Grad des Hasses. In den Augen der Kritiker_innen wären viele Kommentare der Publikation auf Hatr nicht würdig, sondern erweckten eher den Eindruck, Leser_innen queer-/feministischer Blogs seien der Willkür und Tagesform ihrer Betreiber_innen ausgesetzt. Die Selbstbeschreibung von Hatr als “Plattform, auf der Trollkommentare gesammelt werden”, hat sich insofern als irreführend erwiesen. Für den_die moderierende Blogbetreiber_in und das Hatr-Team ist die Motivation der Kommentator_innen nicht immer ersichtlich. Wenn in einem Kommentar jedoch bestimmte Stereotype und Diskriminierungen reproduziert werden, kann er auf Hatr landen. Unter Maskulisten verursachte Hatr größere Empörungswellen. Die gezielte Intransparenz der Webseite, auf der nicht ersichtlich ist, welche Menschen und Blogs beteiligt sind und woher die Kommentare stammen, sorgte für das Aufflammen alter Verschwörungstheorien über “die Feministen” (sic!) und “Genderwahnbeauftragten”, die im Internet ihren rigorosen Kampf gegen Meinungsfreiheit und Demokratie führen. Uns sind lange Abhandlungen über das Projekt in Foren bekannt, in denen darum gewetteifert wird, wer für sein Kommentar die meisten “Facepalms” bekommt.

Die Bandbreite der Reaktionen hat uns gezeigt, dass Hatr den Nerv ganz unterschiedlicher Menschen und Blogs getroffen hat. Betroffene dieser diskriminierenden wie hasserfüllten Diskussionskultur haben die Möglichkeit sich dieser Kommentare zu entledigen, ohne sie löschen zu müssen. Der Fokus auf die Dokumentation dominanzerhaltender Sprechakte in Verbindung mit Spendenmöglichkeiten für den guten Zweck soll in erster Linie für all jene empowernd wirken und zum Weiterbloggen und Diskussionseinstieg ermutigen, die sich aufgrund jener Kommunikationskultur bisher nicht beteiligen wollten oder konnten. Andere wiederum wünschen sich mehr Transparenz, Aufklärung und Bildung von Hatr. Die Seite soll selbsterklärender sein. Wir haben uns bewusst gegen ein Feminism-101-Portal entschieden, weil es davon hunderte im Netz gibt, die zwei Klicks von Google entfernt liegen. Wir möchten Menschen anregen, sich mit den Widersprüchen und Verwirrungsmomenten, die die Kommentare auf Hatr bei ihnen auslösen, selbstständig auseinander zu setzen. Wenn sie Interesse daran haben, sich mehr Wissen über herrschaftskritische Themengebiete anzueignen oder die Perspektive von Betroffenen nachzuvollziehen, soll Hatr der erste Anreiz sein. Mit der Forderung nach leicht konsumierbaren Bildungshäppchen in Sachen Herrschaftskritik geht meistens eine implizite Skepsis einher. Ganz so, als sei die Kritik an Diskriminierung und Dominanz nicht zutreffend oder überzogen, als ließen sich die meisten der kritisierten Dinge unter Meinungsfreiheit fassen oder mit einer anderen Perspektive anders bewerten, als wäre das Label *istische Kackscheiße zu hart. Oder tragen die Betreiber_innen der beteiligten Blogs gar ihren Teil zu den hasserfüllten Kommentaren bei? “Victim Blaming” (zu deutsch: opferbeschuldigendes Verhalten) gehört seit langer Zeit zum Instrumentenkoffer all jener, die dem Trugschluss aufsitzen, Diskriminierung sei individuell verhandelbar und nicht mit radikaler Kritik an gesellschaftlichen Verhältnissen zu begegnen, sondern mit Anpassung und dem Eingeständnis von Mitschuld. Diese Perspektive stellt weder die Machtfrage, noch ist sie darauf aus, Emanzipation zu wollen.

Wir entziehen uns dieser Deutungshoheit über den Umgang mit Diskriminierung, indem wir uns dem geforderten Bildungsauftrag verweigern. Hatr soll Maskus, Trolle und Sexist_innen als das markieren, was sie sind: Maskus, Trolle und Sexist_innen. Indem wir Betroffene, also die beteiligten Blogbetreiber_innen, über ihre Grenzen selbst entscheiden lassen, geben wir ihnen Definitionsmacht. Maskulismus, Sexismus, Antifeminismus und andere Formen der Dominanzausübung sind keine harmlosen Meinungen, sondern tiefsitzende reaktionäre Ideologien, denen nicht allein mit schlagkräftigen Gegenargumenten beizukommen ist. Wir möchten mit Hatr diesen Fehlschluss problematisieren und queer-/feministische Energie in Empowermentarbeit stecken.

Kommentar

Meine Ergänzungen zum Text von Medienelite:

Danke für deinen Text, den ich gerne um ein paar Gedanken ergänzen würde. Ich denke oft, dass ich kein Recht habe mit meinen Angst / Panikattacken und allem was daran hängt, öffentlich zu werden. Ich glaube aber auch, dass das total wichtig ist und Aufmerksamkeit braucht - gemeinsame Thematisierung.

Meine Panikattacken kommen seit ungefähr 1 1/2 Jahren in Phasen. Mal geht es mir über Strecken gut, mal sind dann mehrere Wochen davon bestimmt.

Nicht nur dass das aus-der-Tür-gehen immer schwerer wird. Alles ist dann davon beeinträchtigt und oft viel schwerer zu erklären als eine Grippe zb.. Da kommt dann noch die Angst vorm Unterständnis dazu.

Neben den von Lantzschi schon beschriebenen Angstattacken, kann ich mich nicht mehr konzentrieren, keine Uni-Texte lesen geschweige denn Seminare besuchen.

Ich kann Gruppenarbeiten nicht bewältigen, brauche aber lange um mich zu artikulieren. Das Telefon in die Hand nehmen, eine Email schreiben. Das alles wird zur Hürde. Entweder ich schaffe es gar nicht, oder erst nach Tagen, oder der Inhalt meiner emails ist wirr und sagt nicht das aus, was ich wollte.

Ich bin immer müde.

Zum Glück kann ich sagen, dass einige meiner Freund_innen genau so reagieren, wie es mir gut tut.

Sie stellen keine Fragen, außer an den richtigen Stellen. Sie zweifeln nicht an dem was ich sage, sondern begleiten mich nach hause, holen mich ab, verlassen auch mal eine Veranstaltung auf der sie eigentlich gerne bleiben würden um mich dort weg zu bringen, ohne dass ich darum bitten muss.

Ratschläge wie “du brauchst halt mal Ruhe” - “mach dir doch mal weniger Stress” - sind ja gut gemeint, helfen aber nicht gerade weiter. 

Solidarische Unterstützung und Verständnis helfen hingegen sehr. Nicht hinterfragt zu werden, hilft sehr. Das Gefühl zu bekommen, ernst genommen zu werden, nicht das “warum” erklären zu müssen, nur wenn ich will. Das baut Vertrauen auf, welches nötig ist, um zum Beispiel zu sagen, wenn etwas triggert, um zu sagen, wenn eine Attacke kommt oder auf einmal der Tunnel da ist, eine erstarrt und es immer schwieriger wird sich zu artikulieren.

Leider reagieren viele meiner Freund_innen deswegen so gut, weil sie selbst schon länger oder seit kurzem mit ganz ähnlichen Ängsten, Triggern, Belastungen zu tun haben.

(Fast) alle haben Erfahrungen mit Diskriminierungen, (sexualisierter) Gewalt, Belästigungen, Kackscheisse. Leider gibt es meines Wissens noch kaum Beschäftigung damit. (jedenfalls ist mir das nicht bekannt?)

Erfahrungen werden individualisiert, allgemein auf “Stress” bezogen, auf Biografien einzelner. Hilfe muss eine sich meist auch selbst suchen.

Ich glaube, dass diese Erfahrungen nicht nur individuell angeschaut werden, sondern mit Machtverhältnissen und patriarchalen Strukturen in Verbindung gebracht werden müssen.

Um gut beraten zu werden, um eine hilfreiche Therapie zu finden, um sich nicht alleine damit fühlen zu müssen, müsste eine weiter reichende Beschäftigung mit diesen Verbindungen einhergehen. Ich möchte gerne Therapie und Unterstützung, aber ich habe Angst, dass ich nicht verstanden werde bzw die von mir gerade beschriebenen Verbindungen nicht gedacht werden.

Da dem nicht so ist - eine sich darauf nicht verlassen kann und damit wir weiterhin aus dem Haus gehen können, ist es wichtig darüber offen zu sprechen, sich gegenseitig zu unterstützen und zusammen nach Handlungsoptionen zu suchen, sich damit auch in Hausarbeiten, Blogtexten, in Büchern und in der politischen Praxis auseinanderzusetzen.

Das Problem mit den Äußerlichkeiten - Vom Mobbing in der Schule zu Femininitäts”feindlichkeit” in linken/queeren/feministischen Zusammenhängen

Vor ungefähr zwei Jahren habe ich fast ausschließlich Kleider, Röcke oder lange Pullover mit Leggins oder Strumpfhosen darunter getragen.
Hosen waren eher Ausnahme und ich habe mich eine längere Zeit nicht besonders wohl darin gefühlt.

Meine Schulzeit (auch bereits in der Grundschule) war sehr lange von Mobbing geprägt. In der zweiten bis vierten Klasse war ich meist die mit den Second-Hand Klamotten, den selbst genähten Röcken und selbst genähten Karnevalskostümen.
Ich hatte meinen eigenen Kopf, meine Mutter kaufte mir zwar bestimmte Kleidungsstücke nicht. Aus Gründen. Sie schrieb mir aber ebenfalls niemals vor, was ich anziehen sollte oder nicht.
Das führte dann eben meist dazu, dass ich in kunterbunt zusammengewürfelten Kleidungskombinationen in die Schule ging.
Im Winter trug ich Sommerkleider und im Sommer dicke Winterstrumpfhosen. Eben das, was mir gerade gut gefiel.
Ab der 3. Klasse war es damit vorbei. Jedenfalls erinnere ich mich daran, dass meine Mitschüler_innen mich für meine Kleidungsauswahl sanktionierten. Mit Sprüchen, Lachen, Anweisungen mich doch mal anders („ordentlich“) anzuziehen.

Auf dem Gymnasium ging es weiter. Ich hatte irgendwie ziemlich wenig Talent, mich modisch angemessen zu kleiden.
Ich habe es immer öfter versucht, denn die Sanktionen wurden schlimmer. Ein oder zwei Personen (unterstützt von einigen anderen) schafften es, die gesamte Klasse gegen mich (und Andere) aufzubringen. Die Sprüche wurden zu Beleidigungen und die Beleidigungen wurden immer schlimmer.
Also habe ich versucht mich anzupassen. Was mir irgendwann mehr oder weniger gelang. Ich habe mich mit den Personen, die mich vorher ausschlossen und mobbten zusammengetan, mich ihnen angepasst und so mehr oder weniger die Schule bis zur 10. Klasse überlebt. Das war nicht leicht zu bewältigen.
In der Oberstufe (nachdem ich einen Jahrgang wiederholt habe und endlich Menschen kennenlernen durfte die mir zeigten, dass Schule nicht nur so sein muss wie ich es bisher kannte) gehörte ich, Kleidungstechnisch gesehen, wohl schon eher zu denen, die in irgendeine Idee von Mode/Stil passten.
Das ist dann (mit einigen Veränderungen, Phasen und Entwicklungen) ziemlich lange so geblieben.
Mit dem Studium und damit dem Umzug weit weg von Zuhause und vollkommen neuen Leuten, habe ich mich sehr wohl gefühlt. Mittlerweile fühlte ich mich mit meinem Äußeren recht wohl, ich hatte mir eine gewisse scheiss-egal-Haltung was die Blicke anderer Menschen angeht angewöhnt und war begeistert, etwas für mich wirklich neues kennenzulernen:
In meinem Studiengang sammelten sich endlich Menschen auf einem Haufen, die äußerlich sehr, sehr verschieden waren und sich trotzdem gut verstanden.

Das klingt vielleicht absurd, aber in meinem vorherigen Leben waren Freundschaftsgruppen meist auch äußerlich zu erkennen. Wer ganz herausfiel wurde ignoriert oder gemobbt. Freund_innen sahen sich immer irgendwie ähnlich. Wer sich erdreistete mit denen zu interagieren die „nicht passten“, wurde ebenfalls gemieden (ich spreche da aus Erfahrung).
Und später, als das Mobbing ein Ende hatte, war mein Freundeskreis äußerlich doch recht uniform anzusehen.


Mit meinem Studium änderte sich das also erstmals. Und ich war begeistert. Ich habe dadurch sehr viel Selbstbewusstsein gewinnen können und traute mich wieder, wie ich es schon in der Grundschule getan hatte, einfach gar keine Hosen mehr zu tragen, weil ich sie nunmal einfach nicht mochte.
Als ich also vor knapp zweieinhalb Jahren nach Berlin kam, war ich also ziemlich zufrieden mit meiner Kleidung.
Ich hatte endlich das Gefühl, mein Äußeres selbst zu bestimmen und mich in meiner Haut wohlzufühlen.


Bis zu dem Zeitpunkt, als ich versuchte, in der (linken) queer-/feministischen Szene (wie auch immer sich diese nun genau zusammensetzt) Berlins Fuß zu fassen. Es war für mich noch nie besonders leicht, mich in vollkommen fremde Räume zu begeben. Ich fühle mich nicht wohl in fremden, großen Gruppen und benötige sehr viel Überwindung mich in diese Räume zu bewegen.
Trotzdem habe ich das relativ schnell versucht. Ich bin alleine oder mit Freund_innen zu Veranstaltungen gegangen, zu Lesungen, Vorträgen, Konzerten usw.
Niemals bin ich auch nur mit einer einzigen Person ins Gespräch gekommen. Wenn ich selbst die Initiative ergriffen habe, mich überwunden und zB. eine Frage an jm gestellt habe, wurde ich nicht wirklich beachtet, mir wurde kurz und abweisend geantwortet. Kennengelernt habe ich niemanden. Ich habe mich auf diesen Veranstaltungen, auf denen ich mittlerweile zuhause bin, extrem unwohl gefühlt. Unsichtbar oder unerwünscht.


Ich dachte zunächst, einfach zu langweilig zu sein, zu unsympathisch, zu wenig bewandert in was-weiß-ich-denn-alles.


Nachdem ich über all dies relativ frustriert und traurig war und mich schon halb damit abgefunden hatte eben in die Gruppen und Räume, die mir inhaltlich so nah schienen und praktisch so abweisend, einfach nicht reinzupassen, stieß ich auf ein paar Äußerungen im Netz, die zu meinen Erfahrungen passten.
Ich begann, mich hin und wieder mit Texten zu Femininitätsfeindlichkeit in queeren und linken Szenen. Speziell auch in Berlin. Zusammenhängen zu beschäftigen und stellte fest: Mein Problem war nicht ich oder meine Kleidung.


Folgende Entwicklungen habe ich erst vor kurzem erkannt und kann sie nun schon teil-reflektiert hier wiedergeben:


Während ich mich gleichzeitig mit diesem Phänomen beschäftigt habe, mit Freund_innen darüber gesprochen habe, Texte gelesen und darüber nachgedacht habe, beobachtet und überlegt habe, welche Dynamiken hier im Gange sind, habe ich gleichzeitig meinen Kleidungsstil geändert. Unbewusst. Ich habe aufgehört Röcke und Kleider und Strumpfhosen zu tragen.
Nach und nach tauschte ich diese wieder gegen die vorher so ungeliebten Hosen aus. Die Haare sind jetzt auch wieder kurz, nachdem sie zwischendurch mal ziemlich lang waren.
Plötzlich (wirklich plötzlich!) fand ich Anschluss in all den mir vorher scheinbar unergründlich verschlossenen Räumen.
Ich glaube, dass das zwei Gründe hat: Erstens wurde ich anscheinend für viele Personen sichtbar, optisch besser einzuordnen, nicht mehr hetero gelesen wenn ich ohne Freundin unterwegs war („weißt du eigentlich auf welcher Party du dich befindest?“). Gleichzeitig wurde ich selbstbewusster, fühlte mich passender, nicht wie ein_e bunte Vogel_in in einem recht einheitlichen Haufen. Also bin ich selbstverständlicher in Räume gegangen, habe mich wohler gefühlt, mich freier bewegt. Gespräche waren nicht mehr abweisend, sondern sogar sehr freundlich und interessiert.
Mittlerweile gehe ich überall dort, wo ich mich vorher unerwünscht und unsichtbar gefühlt habe, ein und aus, habe einige Freund_innen gefunden, viele Kontakte. Ich könnte wenn ich wollte, jeden Tag alleine ausgehen und würde nicht alleine bleiben.


Seit ein paar Wochen scheint mir das Thema Kleidung und Szene und damit verbundene Ausschlüsse mehr und mehr Aufmerksamkeit zu erlangen.
Gespräche darüber nehmen zu und begegnen mir häufiger. Plötzlich wurde mir meine äußerliche Veränderung des letzten Jahres sehr bewusst. Innerhalb weniger Monate hatte ich meine Ankleidungsgewohnheiten vollständig verändert.
 Also habe ich mir vor ein paar Tagen nochmal ein Kleid angezogen. Eines, das mir noch vor 2 Jahren immer sehr viel Selbstbewusstsein und ein gutes Gefühl gegeben hatte. Ich schaute mich im Spiegel an und fühlte ich vollkommen verkleidet und mein Spiegelbild war mir fremd.
Es ist ja auch nicht so, als fühle ich mich durch meine äußerliche Veränderung unwohl. Doch ich frage mich momentan, ob das nicht auch damit zusammenhängt, dass ich eben durch diese Veränderungen eine stärkere Akzeptanz von den Menschen spüre, denen ich mich inhaltlich nahe fühle und nicht, weil mir auf einmal andere Klamotten gut gefallen.
Ich dachte lange Zeit, ich hätte diesen Anpassungszwang an mein Umfeld mit dem Verlassen der Schule hinter mich gebracht.
Und kann ich nicht von Menschen, die sich in als queer / feministisch / links proklamierten Räumen bewegen erwarten, sich mit Ausschlüssen aufgrund von Äußerlichkeiten auseinanderzusetzen und diese zu reflektieren?
Es muss hier wohl noch viel passieren. Und es müssen Strategien gefunden werden, das Bewusstsein für diese Ausschlüsse und Dynamiken zu erweitern und einen Umgang damit zu finden. 

Mein Vorsatz ist es jetzt, dem nachzuspüren und herauszufinden, was ich eigentlich wirklich will. In welcher Kleidung, in welchen Äußeren ich mich wohlfühlen möchte und wie ich das umsetzen kann.
Denn ich möchte, endlich mein Äußeres so bestimmen, wie ich das möchte. Und ich will nicht dass von meiner Kleidung auf meine politische Einstellung, meine Zugehörigkeit zu einer Gruppe, auf mein Begehren oder mein Gender geschlossen wird.

Durch eine erhöhte Aufmerksamkeit, die nicht nur von Außen, sondern verstärkt aus „der Szene selbst“ kommt, erhöht sich vielleicht ja auch das Bewusstsein und das Problembewusstsein dazu. Vielleicht erreichen Zines wie das von Laura Lipstick Fragen wie die von Lisa, Erfahrungen wie die von Jane  und andere, wichtige Beiträge dazu weitere Menschen, die sich vielleicht gerade nicht zu Veranstaltungen, Plena und Partys trauen, weil sie sich aufgrund ihres Äußeren nicht gesehen, nicht akzeptiert und nicht eingeladen fühlen.

Falls Ihr weitere Texte, Beiträge, Überlegungen aller Art hierzu kennt, freue ich mich wenn ihr die Kommentarfunktion benutzt :)

FIGHT LOOKISM!

Aus gegebenem Anlass entstaube ich dann doch mein Blog wieder und präsentiere:

Juhu! Einen Podcast!    [Dank Tumblr hier links oben im Bild^^]

Knappe zwei Stunden krebsen und wurtscheln Lantzschi und ich uns durch das Thema Hetero(s) und Solidarität.

Weil sie das sowieso schöner formulieren kann als ich, klaue ich prompt ihren Ankündigungstext und bin schon gespannt darauf wie es weitergeht.

Zwischen Penisgesängen und Queer-Theorie reden wir über Heteros in feministischen Kontexten, Männer, Solidaritätsgedanken und heterosexuelle Selbstinszenierung. Darüber hinaus geht es noch um ein paar Definitionen, eigene Erfahrungen mit Hetero(sexismus), geschützte Räume und das leidige Thema Privilegien.

Wir haben versucht, auf akademische Sprache weitestgehend zu verzichten, unklare Begriffe zu bärklären und trotzdem nicht in die Falle des gewaltvollen Alltagsslangs zu tappen. Für kritische Hinweise sind wir trotzdem dankbar.

Lantzschi und ich wollen die Podcast-Reihe über Heterosexualität in unregelmäßigen Abständen fortführen. Das Themenspektrum ist vielfältig, also her mit euren Ideen/offenen Fragen und ran an die dominanten Kategorien!”

Und täglich grüßt das sexistische Arschloch

Und weil ich es mir nicht gefallen lassen möchte. Und weil ich mich nicht machtlos fühlen möchte.

Deswegen hier die Veröffentlichung eines Kommentars, welcher die Antwort war auf meine Gegenwehr, dass mich ein Fremder “Schätzchen” nennt und sagt, das “Weibsvolk” habe von Technik ja keine Ahnung.

Ist mir egal. Tut gut es zu posten, also wirds gepostet.

mann, was bist du nur für eine? frauenrechtlerin? frustrierte sitzengelassene? wenn du solche statements hier ablässt, brauchst du dich doch nicht zu wundern wenn solche kommentare zurückkommen. “abwertung und lächerlichkeit” wenn ich das lese, muß ich laut lachen…du wirfst es mir vor und handelst ebenso, denn genau dassagt dein kommentar über DICH aus. was glaubst DU denn wer du bist? die von oben auf uns jämmerliche kreaturen herabschauende allwissende macht, deren worte wir froh sein dürfen zu vernehmen? danke, o weib, dass du dich darniederläßt mit uns zu kommunizieren…..so kommst du hier rüber.

sieh dir den clip doch einfach mal so an wie er ist: nämlich einfach nur schreiend komisch…und die kommentare wären nicht viel anders wenns ein kerl gewesen wär.
und über vieles kann man sich auch besser amüsieren wenn man sich nicht ganz soo wichtig und ernst nimmt.
also ich würd vorschlagen:
rubbel dir mal einen und entspann dich..
(machen männer übrigens auch öfter mal, hilft wirklich  ;-)
in diesem sinne
ralf k.”